Wird als Prüfungsleistung bearbeitet von Malte / Noch in Bearbeitung!!!

Das Hawala-Finanzsystem (arabisch: Zahlungsanweisung / Schuldüberweisung; hindi: Vertrauen) ist ein global funktionierendes alternatives Überweisungssystem, dass seine Wurzeln in der frühmittelalterlichen Handelsgesellschaft des Vorderen und Mittleren Orients hat.

Über das Hawala-Finanzsystem werden Geldbeträge überregional oder grenzüberschreitend unter Einbeziehung von Finanzmittlern informeller Finanzsysteme bargeldlos übertragen.

Begriffsabgrenzung

Die Bandbreite der Bezeichnungen für alternative Überweisungssysteme ist vielseitig, wobei die Bezeichnungen teilweise synonym verwendet werden ohne zwischen den systemtypischen und strukturellen Besonderheiten des jeweiligen Überweisungssystems zu differenzieren. Geläufige Bezeichnungen sind „Alternative Überweisungssysteme“, „Schattenbankensysteme“, „Hawala-Banking“, „Underground Banking“, „Informal Banking“ und „Informal Money Transfer System“ (IMTS).

Die Begriffe „Underground“, „Schatten“ und „Banking“ sind wenig geeignet eine adäquate Beschreibung für das Hawala-Finanzsystem zu liefern. Erstere sind negativ behaftet weil sie kriminelle Absichten und Aktivitäten suggerieren obwohl das Hawala-Finanzsystem auch für legale Zwecke genutzt wird. Um der Begrifflichkeit „Banking“ zu entsprechen müsste es sich bei den Anbietern dieser Überweisungssysteme um Kreditinstitute im Sinne nationaler oder internationaler Bestimmungen handeln, was allerdings fraglich ist.

Entsprechend dem Internationalen Währungsfonds, der Weltbank und der Financial Action Task Force on Money Laundering (FATF) werden die wertneutralen Bezeichnungen „Informal Value Transfer Systems“ (Alternatives Finanztransfersystem) oder „Alternative Remittance Systems“ / „Alternative Remittance Services“ (Alternatives Überweisungssystem / Alternativer Überweisungsdienst) verwendet. Diese Begriffe stehen für die bargeldlose, überregionale oder grenzüberschreitende, Überweisung von Geldbeträgen unter Einbeziehung von Finanzmittlern informeller Finanzsysteme.

Hawala

Historie

In der frühmittelalterlichen Handelsgesellschaft des Vorderen und Mittleren Orients entwickelte sich das Hawala-Finanzsystem durch den zunehmenden Wunsch, in einer sich entwickelnden Marktwirtschaft sichere und schnellere Transfersysteme zu finden welche dem Regelungsbedarf komplexer Geschäftstransaktionen genügen. Das Umfeld ökonomischer Akteure war entweder durch die vollständige Abwesenheit oder durch die unzureichend spezifizierter formaler Ordnungs- und Rechtssysteme gekennzeichnet. Bestehende formale Ordnungs- und Rechtssysteme wurden insbesondere durch die Unberechenbarkeit und Korrumpierbarkeit der Personen, welche für die Umsetzung dieser Systeme verantwortlich waren, konterkariert. Des Weiteren wurden wirtschaftliche Interaktionen durch den Mangel an monetären Zahlungsmitteln erschwert, eine alternative Naturaltauschwirtschaft ist den Erfordernissen zu unflexibel. Ferner entstehen Kosten, Unbequemlichkeiten und Unsicherheiten welche mit dem regionalen und überregionalen Transport von monetären Zahlungsmitteln und sonstigen Waren einhergehen.

Der Suchprozess nach bzw. die Findung alternativer institutioneller Lösungen wurde im muslimisch geprägten Raum durch Weisungen des Korans hinsichtlich der Ausgestaltung des wirtschaftlichen Lebens entscheidend beeinflusst und reduziert. Insbesondere ist hier das festgeschriebene Zinsverbot (arabisch: riba; in engerer Auslegung „Wucher“) und das Verbot von unverhältnismäßig hohen vertraglichen Risiken und Unsicherheiten (arabisch: gharar) zu erwähnen. Insofern sind gewisse Geschäftsmodelle und Produkte westlicher formaler Banken- und Finanzsysteme mit fundamentalen islamischen Weisungen unvereinbar.

Funktionsweise

In seiner ursprünglichen Form diente Hawala der Zahlungsanweisung bzw. der Schuldenübertragung. Der Transaktionsprozess gestaltete sich dabei wie folgt:

„Die Person X ist verschuldet bei Person Y, welche selbst wiederum der Person Z einen entsprechenden Geldbetrag schuldig ist. Im Zuge der hawala-Transaktion überträgt nun Y seine Forderungen gegenüber X an Z. Für X und Z ändert sich hierdurch die Identität des Geschäftspartners, nicht jedoch der Wert der Verbindlichkeit respektiver Forderungen. Y aber hat durch diese Transaktion ihre Forderungen und Verbindlichkeiten saldiert und scheidet aus dieser ökonomischen Interaktionskette aus.“

Auf diesem Grundprinzip basierend und der Tatsache, dass eine solche Schuldübertragung auch standortübergreifend erfolgen kann, entwickelte sich aus dieser ursprünglichen Ausprägung von Hawala ein komplexes Vertragsgeflecht zur Transaktion von Geldbeträgen. Ursprünglich zur Kostenreduzierung technischer Transaktionsabwicklungen veränderte es sich zu einem Arrangement zur Senkung von Unsicherheiten und Risiken grenzüberschreitender Geschäftstätigkeiten.

Der Transaktionsprozess innerhalb der heute existierenden Hawala-Finanznetzwerke erfolgt folgendermaßen:

Die Teilnehmer in diesem Prozeß sind Kunden und Hawaladare. Die Kunden sind Personen die eine Transaktion tätigen wollen. Ein Hawaladar (auch Hawala-Intermediär, Finanzintermediär oder Händler) ist ein Mitglied eines Hawala-Netzwerkes (siehe hierzu 2.3 Schutzmechanismen) und fungiert als Finanzmittler. Eine Person A im Ausgangsgebiet möchte Person B im Zielgebiet einen Geldbetrag überweisen. A sucht im Ausgangsgebiet Hawaladar X auf, und teilt diesem den gewünschten Auszahlungsort und Überweisungsbetrag sowie den tendenziellen Auszahlungszeitpunkt mit. Der Hawaladar X übernimmt den Überweisungsbetrag von A zuzüglich einer Bearbeitungspauschale in bar. Die Bearbeitungspauschale richtet sich entweder nach einem Prozentsatz von dem zu transferierenden Betrag, in der Regel zwischen 0,25% und 1,5%, oder nach einer festgelegten Gebühr. Der Hawaladar X teilt Person A einen Code mit. Dieser Code wird einerseits zwischen Person A und B kommuniziert, andererseits zwischen Hawaladar X und dem im Zielgebiet befindlichen Hawaladar Y zuzüglich des Auszahlungsbetrages. Der Code kann jegliche Buchstaben- oder Zahlenkombination oder ein spezieller Koranvers sein. Die Kommunikation zwischen den Personen und Hawaladaren erfolgt über vorhandene Kommunikationsmittel. Mit der Übergabe des Codes und des dazugehörigen Auszahlungsbetrages ist für den Hawaladar im Ausgangsgebiet die Transaktion abgeschlossen, eventuell notwendige und gefertigte Notizen können vernichtet werden. Person B sucht im Zielgebiet Hawaladar Y auf und identifiziert sich mittels Code. Y hat dem Code einen Überweisungsbetrag zugeordnet und zahlt diesen an B aus. Mit der Auszahlung des Betrages an Person B ist für den Hawaladar im Zielgebiet die Transaktion abgeschlossen, eventuell notwendige und gefertigte Notizen können vernichtet werden.

Des Weiteren kann es sich bei den Personen A und B auch um die gleiche Person handeln, welche im Ausgangsgebiet die Einzahlung tätigt und im Zielgebiet den Auszahlungsbetrag abholt. Diese spezielle Form ermöglicht überregionale Reisebewegungen ohne das Mitführen von Wertgegenständen und dient der Verschleierung von Vermögenswerten.

Die Hawala-Transaktionen können innerhalb von wenigen Minuten abgeschlossen werden. Innerhalb des Hawala-Netzwerkes wird zum Saldenausgleich nach dem „System der zwei Töpfe“ verfahren. Der Hawaladar im Ausgangsgebiet hat Verbindlichkeiten in Höhe des Überweisungsbetrages bei dem Hawaladar im Zielgebiet. Diese Verbindlichkeiten werden mit der nächsten Transaktion zwischen den Hawaladaren ausgeglichen. Zur Ermittlung der Guthaben oder Verbindlichkeiten beim entsprechenden Hawaladar werden die Hawaldare zumindest ihre getätigten Ein- und Auszahlungsbeträge notieren und diese bis zum Saldenausgleich aufbewahren. Bei außergewöhnlich hohen Zahlungsanweisungen oder struktureller Besonderheiten (insbesondere in primäre Empfängerregionen), sodass mittelfristig kein Saldenausgleich zu erwarten ist, wird dieser in einem „Clearingverfahren“ herbeigeführt. Der Saldenausgleich kann i.d.R. durch Nutzung eines formalen Banken- und Finanzsystems stattfinden oder durch Überbringen per Kurier von Wertgegenständen in Form von Bargeld, Edelmetalle, Edelsteine oder Kunstobjekten. Eine Verbindung zu der vorausgegangenen Transaktion ist für Außenstehende nicht nachvollziehbar und somit schwer beweisbar.

Schutzmechanismen

Im Gegensatz zu den konventionellen Finanzsystemen fehlt bei Hawala ein kodifizierter institutioneller Rahmen der die Erfüllung der Vertragsinhalte einzelner Transaktionen durchsetzt. Es hat sich daher ein institutionelles Arrangement entwickelt, das die gegenseitige Vertragserfüllung gewährleistet und eine langfristige Fortführung der Geschäftsbeziehungen für die Akteure nutzbringender erscheint als deren kurzfristige opportunistische Unterbrechung. Der Hintergrund des Gedankens ist die Annahme eines auf Nutzenmaximierung ausgerichteten Akteurs, welcher von einer Vertragserfüllung absieht wenn der Nutzeffekt durch die Nichterfüllung größer ist.

Das Hawala-Netzwerk mit seinen Netzwerkmitgliedern stellt den Kernbereich der Transaktion dar. Das Netzwerk ist eine homogene Vereinigung mit identitätsstiftenden gemeinsamen Eigenschaften was, neben den ökonomischen Faktoren, Vertrauen im sonst anonymen Transaktionsumfeld fördert. Identitätsstiftende gemeinsame Eigenschaften können neben ethischen und religiösen Eigenschaften auch Norm- und Wertvorstellungen sein.

Zur Aufnahme in das Netzwerk ist das Bekenntnis zur Netzwerkidentität nicht ausreichend, das zukünftige Netzwerkmitglied muss zunächst in Sozialkapital investieren. Es muss sich in seiner kulturellen und religiösen Gemeinschaft eine beständige vertrauenswürdige Reputation aufbauen und die Identität leben. Das Bekenntnis und die Investitionen bedeuten die Festlegung für ein bestimmtes Netzwerk und diese ist irreversibel. Diese Irreversibilität und die somit entstandene Bindung an das Netzwerk werden als Signal für Vertrauenswürdigkeit gedeutet.

Informationen über vertragsgetreues bzw. vertragswidriges Verhalten wird über die Gemeinschaft inklusive der Hawala-Netzwerkmitglieder verbreitet. Vertragsgetreues Verhalten wird mit weiteren Transaktionen belohnt während opportunistisches Verhalten mit dem Vertrauensentzug und dem Ausschluss aus dem Netzwerk sanktioniert wird. Dieser Ausschluss kann für das betroffene Mitglied den Verlust seiner Investitionen in Sozialkapital und seiner Geschäftsgrundlage bedeuten. Des Weiteren kann auch der Ausschluss aus familiären und religiösen Gemeinschaften erfolgen.

Ein statuiertes Exempel dient zudem als Abschreckung für die anderen Netzwerkmitglieder und bezeugt die Glaubwürdigkeit der Strafandrohung. Die Durchsetzung der Strafandrohung kann nur erfolgen wenn das Netzwerk eine gewisse, numerisch nicht festgelegte, Mitgliederanzahl nicht übersteigt. Bei zunehmender Mitgliederzahl schwindet die Fähigkeit jedes opportunistische Verhalten zu sanktionieren und verringert somit die Glaubwürdigkeit der Strafandrohung.

Vorteile gegenüber konventionellen Finanzsystemen

Bis heute sind bestimmte Regionen nur unzureichend bis gar nicht von konventionellen Banken- und Finanzsystemen erschlossen, so dass alternative Überweisungssysteme wie Hawala als einziges Finanzsystem für reguläre Überweisungen zur Verfügung steht. Durch die kostengünstige Infrastruktur können kundenfreundlichere Wechselkurse angeboten und geringere Gebühren verlangt werden. Staatlich auferlegte Kapitalverkehrsbeschränkungen können umgangen werden um benötigte finanzielle Mittel im Zielgebiet bereitzustellen. Es wird Anonymität der Akteure gewährleistet: das Vorlegen gültiger Identitätsdokumente ist nicht notwendig, eine Dokumentationspflicht von Transaktionen entfällt. Ebenso entfällt der aufwendige Genehmigungsprozess der Konteneröffnung. Der Überweisungsprozess kann innerhalb weniger Minuten abgewickelt werden. Des Weiteren werden überregionale Reisebewegungen ohne das Mitführen von Wertgegenständen ermöglicht und dient der Verschleierung von Vermögenswerten. Eine überregionale, physische Bewegung des Geldbetrages findet nicht statt.

Verbreitung

Unabhängig der voranschreitenden Globalisierung, der Einführung neuer Technologien und der stetig wachsenden Verbreitung transnationaler Banken- und Finanzsysteme sowie staatlicher Regulierungsversuche konnte das alternative Hawala-Finanzsystem bis heute nicht von formalen, konventionellen Banken- und Finanzsystemen abgelöst werden. Das Hawala-Finanzsystem hat sich dort wo Funktionsbereiche, die das formale Banken- und Finanzsystem nicht oder nur mit höheren Transaktionskosten erfüllen kann als evolutionär entstandene Institution fest etabliert. Durch Migrationsbewegungen konnten global agierende Netzwerke entstehen. Im Bereich der formalen Ökonomie sind insbesondere Überweisungen von Gastarbeitern an ihre Familien in entlegene Regionen zu nennen, die nur unzureichend bis überhaupt nicht in das moderne Bankensystem integriert sind.

Des Weiteren ist die Nutzung von Hawala als alternatives Überweisungssystem auch auf ein mangelndes Vertrauen in die Organisation des westlichen Banken- und Finanzsystems zurückzuführen, das unvereinbar mit religiösen Auffassungen vieler Muslime ist und nach subjektiver Einschätzung zu hohe Gebühren verlangt. Hawala entwickelte sich durch pragmatische Überlegungen, welche von ideologischen und religiösen Überlegungen flankiert werden, zu dem bevorzugten Finanzsystem.

Da sich Hawala-Transaktionen rechtsstaatlicher Kontrollen und Aufzeichnungen entziehen, lässt sich nur schwer abschätzen wieviel Geld jährlich über das alternative Überweisungssystem transferiert werden. Nationale und supranationale Organisationen schätzen, dass weltweit jährlich ca. 200 Mrd. US-Dollar transferiert werden.


Kriminologische Relevanz

Das Hawala-Finanzsystem ist in vielen Staaten gesetzlich verboten und mit Sanktionen für die Ausübung belegt. Andere Staaten haben die Legalität an Regulierungsmaßnahmen gekoppelt, welche die Anonymität der Akteure und der Finanzströme aufhebt.

Die Politik, die Finanzindustrie und die Sicherheitsbehörden besitzen ein Interesse an der Regulierung alternativer Überweisungssysteme:

Aufgrund der beschriebenen Strukturen entzieht sich das Hawala-Finanzsystem den auf politischer Ebene eingesetzten Instrumenten der Kontrolle und Regulierung. Der zentralstaatliche Anspruch auf eine ökonomische Kontrolle und Steuerung der Volkswirtschaften kann bei Fortexistenz von Hawala nur partiell oder nicht mehr durchgesetzt werden.

Alternative Überweisungssysteme stellen zu den angebotenen Finanzleitungen des formalen Banken- und Finanzsystems eine marktwirtschaftliche Konkurrenz dar und schmälern Marktanteile und somit Umsätze.

Insbesondere durch die uneinsichtigen Strukturen für Externe und durch die schwer identifizierbaren Finanzströme sowie Akteure erlangt ein alternatives Überweisungssystems wie Hawala im Bereich der second economy an Bedeutung. Es wird eingesetzt für Transaktionen welche im formalen Banken- und Finanzsystem gegen bestehende Gesetze und Bestimmungen verstoßen oder diese umgehen würden. Hierbei kann es sich u.a. um Umgehung von Kapitalverkehrsbeschränkungen und Embargos, Geldwäsche, Korruption, Verschleierung von Vermögenswerten, Steuerhinterziehung und Finanzierung illegaler oder öffentlich geächteter Aktivitäten oder Vereinigungen handeln.

Die Etablierung des alternativen Überweisungssystems Hawala ist die Reaktion auf die vollständige Abwesenheit oder unzureichend spezifizierter formaler Ordnungs- und Rechtssysteme oder formaler Banken- und Finanzsysteme. Die Etablierung und die Ausgestaltung erfolgte vor dem kulturellen und religiösen Hintergrund anerkannter Werte und Normen, welche mit gewissen Geschäftsmodellen und Produkten westlicher formaler Banken- und Finanzsysteme unvereinbar sind. Neben den beschriebenen Vorteilen ermöglicht Hawala den Menschen am marktwirtschaftlichen Leben zu partizipieren unter Wahrung der eigenen kulturellen und religiösen Integrität.

Literatur

  • Franzen/Freitag, Sozialkapital:Grundlagen und Anwendungen, Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft47 /2007, VS Verlag für Sozialwissenschaften
  • Warius, Das Hawala-Finanzsystem in Deutschland - ein Fall für die Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung?: eine Untersuchung unter Einbeziehung aufsichtsrechtlicher und anderer gesetzlicher Rahmenbedingungen
  • Wahlers, Die rechtliche und ökonomische Struktur von Zahlungssystemen inner- und außerhalb des Bankensystems, S.97ff. 104


Weblinks