KSK

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Das Kommando Spezialkräfte der Bundeswehr (KSK) mit Standort in Calw führt geheime Missionen durch. Die Soldaten sind zu Verschwiegenheit verpflichtet und werden - so Marco Seliger (2014) - "in geheimer Mission verschlissen". Sein Beispielsfall ist ein Ex-KSKler, der sich nach 10 Jahren Dienst in Afghanistan und Afrika von der Bundeswehr verraten fühlt:

"Er lebte für den Job, hat seine Gesundheit ruiniert, Freunde und Familie aufgegeben. Nach seiner Kommandozeit wollte er dauerhaft in der Armee bleiben. Die Bundeswehr, sagt er, habe ihm das mündlich garantiert, eine Abmachung als Dank für den entbehrungsreichen Dienst. Nun steht er auf der Straße und fühlt sich auch seinerseits nicht mehr an das Übereinkommen gebunden. Kommandosoldaten sind zur Verschwiegenheit verpflichtet, auch ehemalige. Doch der Mann will reden."

„Ihr müsst für den Job leben“ Treffpunkt ist ein kleines Café in einer deutschen Großstadt. Regen peitscht gegen die Fenster, es ist kaum etwas los. Der Mann trägt eine Jeans, blaue Sneakers und einen enganliegenden hellblauen Pullover, unter dem sich ein schmaler Oberkörper abzeichnet. In seinem Haar steckt eine Sonnenbrille. In den Einsätzen, erklärt er, habe er stets Brillen tragen müssen: tagsüber Sonnenbrille, nachts Restlichtverstärkerbrille. Seitdem gehe er nicht mehr ohne aus dem Haus. „Fast jeder Soldat in Calw hat eine Macke“, sagt er lächelnd. Nicht jede sei so harmlos wie seine.

Vor einiger Zeit hätten sie einen Kameraden mit einem ungeladenen Scharfschützengewehr an der Mittelleitplanke einer Autobahn gefunden. Er habe stundenlang Autos anvisiert, die KSK-Führung sei bemüht gewesen, den Vorfall herunterzuspielen. Doch wie ihre „normalen“ Kameraden kehrten auch KSK-Soldaten mit psychischen Problemen aus ihren Einsätzen zurück. Weil sie Geheimnisträger mit einer besonderen Sicherheitseinstufung seien, gebe es jedoch kaum Psychologen, die sie behandeln dürften, berichtet er. Denn die Psychologen müssten dieselbe Sicherheitseinstufung haben – und dafür langwierige Nachforschungen über sich ergehen lassen.

Der Mann war 25 Jahre alt, als er Elitesoldat wurde. Er erinnert sich noch gut an den ersten Tag. Ein Ausbilder sei vor die Neulinge getreten und habe gefragt, wer von ihnen eine Freundin habe. Einige Soldaten hoben die Hand. Wenn sie nichts kann, dann schmeißt sie raus, habe der Stabsfeldwebel gesagt. Am Wochenende darauf trennte sich der Mann von seiner Freundin. Er traute ihr nicht zu, dass sie monatelange Abwesenheiten klaglos ertragen und treu bleiben würde. Beziehungsprobleme lenken nur ab, hatte der Ausbilder erklärt. „Das Kommando braucht Leute, die nur für den Job leben“, sagt der Mann.

Terroristen gefangen nehmen – oder töten Seine Ausbildung zum Kommandofeldwebel dauerte zwei Jahre. Er trainierte im österreichischen Hochgebirge, in der kanadischen Arktis, im Dschungel von Französisch-Guayana und in der Wüste Dschibutis. Auf Übungen verschoss er in einer Woche mehr Munition als 600 Soldaten eines Bataillons während eines ganzen Jahres. Dann war er einsatzbereit. Es folgte der erste Einsatz in Afghanistan. Er gehörte der Task Force 47 an, der geheimen Einheit der Bundeswehr, die in einem eigenen Camp im Feldlager Kundus stationiert war.

Schon damals hätten sie den Auftrag gehabt, Aufständische auszuspähen und festzunehmen, berichtet er. Später wurden diese Einsätze in der Nato ganz offiziell „Capture or Kill“ genannt. Es ging darum, zusammen mit afghanischen Sicherheitskräften ranghohe Taliban oder Terroristen gefangen zu nehmen oder zu töten, wenn sie Widerstand leisteten. Über Details will der Mann nicht reden, nur so viel sagt er: „Wenn wir geschossen haben, dann nur, um zu verhindern, dass sie auf uns schießen.“ Die Bundesregierung hat bisher zu keinem Einsatz des KSK offiziell Stellung genommen. Die Missionen sind geheim, nur ein sehr kleiner Kreis von Bundestagsabgeordneten wird im Nachhinein informiert.

Als der Mann Ende zwanzig war, spürte er erste Verschleißerscheinungen. Elitesoldaten sind zäh, ausdauernd, höchst belastbar. Doch selbst an ihnen geht nicht spurlos vorüber, dass sie in Einsätzen und auf Übungen ständig Ausrüstung mit einem Gewicht von bis zu siebzig Kilogramm schleppen müssen. Unter der Belastung von Waffen, Munition, Schutzweste, Funkgerät, Rucksack und Nahrungsmitteln begannen Rücken und Knie zu schmerzen. Der Schmerz blieb, und nicht nur ihm gehe das so, sagt der Mann.

Das Durchschnittsalter der Kommandosoldaten liege bei Mitte dreißig, und so gut wie jeder von ihnen habe Probleme mit den Gelenken. Nur gebe das bei den regelmäßigen Gesundheitschecks niemand offen zu. „Wir haben gelernt, Schmerzen auszuhalten.“ Die Bundeswehr sieht sich nicht in der Lage, eigene Aussagen zum Gesundheitszustand von KSK-Angehörigen zu machen. Bei der Datenerhebung werde der Truppenteil eines Soldaten nicht erfasst, teilt ein Sprecher mit.

Nach sechs Jahren schwanden seine Kräfte Seit Jahren wird im Kommando überlegt, wie die körperliche Belastung der Soldaten zu reduzieren ist. Weil das Gewicht der Ausrüstung, die ein vierköpfiger Kommandotrupp im Einsatz benötigt, von den Soldaten kaum noch zu tragen ist, ohne dass sie schnell ermüden und ihre Kampfkraft leidet, wird in Calw geplant, die Teams des KSK um zwei Mann auf sechs zu erweitern.

Auch andere Streitkräfte haben Konsequenzen aus den Erfahrungen mit dem verdeckten Einsatz von Eliteeinheiten gezogen. Der britische Special Air Service (SAS) und die Sajeret Matkal in Israel schicken künftig Fünf-Mann-Teams in den Einsatz. Spezialkräfte arbeiten in kleinen, autonomen Gruppen, damit sie nicht so leicht entdeckt werden können. Sie sind so ausgerüstet, dass sie mehrere Wochen ohne Nachschub auskommen, und darauf trainiert, trotz wenig Nahrung und wenig Schlaf ihre Aufträge zu erfüllen.

Kommandosoldaten in Deutschland müssen sich auf eine Mindestdienstzeit von sechs Jahren verpflichten. Im Jahr 2009 war diese Zeit für unseren Informanten abgelaufen, sein Körper streikte immer häufiger. Er wollte in das Ausbildungszentrum des KSK wechseln und kürzertreten. Doch das Kommando braucht jeden Mann und lehnte seinen Wunsch ab. Seit Jahren, sagt er, sei das KSK unterbesetzt.

Offiziell wird der Personalumfang einschließlich Stab und Unterstützungstruppen mit 1100 angegeben. Wie viele Soldaten davon in den vier Kommandokompanien dienen, hält die Bundeswehr geheim. Daraus könnten Schlüsse auf die Einsatzfähigkeit des KSK gezogen werden, heißt es zur Begründung. Die Aussagen unseres Informanten legen jedoch nahe, dass die Personallage viel dramatischer ist als bisher bekannt. Er sagt, manche Kompanie erreiche noch nicht einmal den Umfang eines normalen Infanteriezuges. Das sind in der Regel 40 Soldaten, also gerade mal ein Drittel einer Kompanie.

Der Personalmangel verschleiße die Truppe, das Kommando könne seine Aufträge nur erfüllen, weil die Soldaten auf Kosten ihrer Substanz lebten. Das Verteidigungsministerium sieht keinen Handlungsbedarf. „Die Einsatzkompanien werden durch das KSK gleichmäßig mit neugewonnenem und ausgebildetem Personal aufgefüllt“, sagt ein Sprecher, verweist zugleich aber darauf, die Einheit befinde sich „unverändert noch im Aufwuchs“. Zur Erinnerung: Sie besteht schon seit 18 Jahren.

Es herrscht „riesige Frustration“ Normalerweise unterscheiden sich die Angehörigen des KSK darin, in welche Einsatzgebiete sie geschickt werden können. Es gibt Experten für den Kampf im Hochgebirge, in der Wüste, im Dschungel und in der Arktis. Dieser hohe Spezialisierungsgrad erfordert intensives Training, sagt der Informant, was dazu führe, dass die Soldaten etwa 250 Tage im Jahr auf Übungen und Fachlehrgängen im In- und Ausland zubrächten. Der Personalmangel führe jedoch dazu, dass sich ein Soldat zusätzlich auf weitere Einsatzgebiete spezialisieren und dafür noch mehr als üblich trainieren müsse. Zwischen Einsatz und Übungen gebe es kaum mehr Zeit zum Regenerieren. „Das KSK ist personell heruntergewirtschaftet“, sagt der Mann. Er herrsche eine „riesige Frustration“.

Viele Soldaten kündigen, um in die Sicherheitsbranche zu wechseln, wo sie Handelsschiffe gegen Piratenangriffe verteidigen oder als Personenschützer in Krisengebieten arbeiten. Sie sind von der geringen Aussicht auf eine dauerhafte Beschäftigung in der Bundeswehr enttäuscht und haben genug von den Belastungen der Kommandotätigkeit, für die sie auch die monatliche Zulage von brutto 963 Euro im Normaldienst nicht entschädigen kann.

Die Bundeswehr hat auf die Personalsituation im KSK mit einem Prämiensystem reagiert. Für jedes zusätzliche Jahr, zu dem sich ein Soldat nach seiner sechsjährigen Mindestdienstzeit verpflichtet, erhält er 5000 Euro brutto. Für das Bestehen der zweijährigen Ausbildung wird zudem ein Bonus von 10000 Euro gezahlt. Nato-Partner wie die Vereinigten Staaten und Großbritannien entlohnen ihre Elitesoldaten bis zum Zehnfachen höher.

Der Mann machte weiter, vier Jahre lang. Einmal wäre er beinahe vor Gericht gelandet. Es ging nur um ein Bußgeld, aber wegen eines Auslandseinsatzes hatte er darauf nicht schnell genug reagiert. Die Sache schaukelte sich auf. Eigentlich leicht zu lösen – aber Spezialkräfte finden sich im normalen Leben oft nicht mehr zurecht. Ein Verein half ihm, gegründet von ehemaligen Kommandosoldaten. Der Mann bekam einen Anwalt, der regelte die Angelegenheit.

Übernahme? Davon will die Bundeswehr nichts mehr wissen Der Verein heißt Uniter. Nach eigenen Angaben hat er knapp 350 Mitglieder, davon 53 aktive Angehörige des KSK. Uniter sei so etwas wie eine Navigationshilfe für Kommandosoldaten durch den Dschungel des Zivillebens, in dem sie von der Bundeswehr keine Hilfe erwarten könnten, sagt ein Vorstandsmitglied. In dem Verein helfen ehemalige KSK-Angehörige ihren aktiven Kameraden bei der Suche nach einem Job, im Umgang mit Behörden und in juristischen Fragen. Man kennt sich, man schätzt sich.

Aber es gibt Probleme, die kann auch Uniter nicht lösen. Unser Informant wollte, als sein Körper endgültig streikte, einen „Freischuss“ in Anspruch nehmen. So nannte der frühere KSK-Kommandeur Reinhard Günzel die Zusage der Bundeswehr an alle Kommandosoldaten, nach Ende ihrer Dienstzeit in Calw als Berufssoldat übernommen zu werden. Das sei kein Problem, sagte Günzel in einem Interview im Oktober 2003, die Streitkräfte hätten einen hohen Bedarf an Soldaten mit Spezialkräfte-Expertise. „Dem Soldaten wird sein Wunsch nach adäquater Anschlussverwendung erfüllt“, sicherte Günzel zu.

Doch davon will die Bundeswehr nichts mehr wissen. „Kommandosoldaten wurde eine hohe Übernahmewahrscheinlichkeit zum Berufssoldaten in Aussicht gestellt, nicht jedoch eine Übernahmegarantie“, rechtfertigt sich das Verteidigungsministerium. Es beruft sich auf eine Regelung aus dem Jahr 2007. Da war unser Informant schon vier Jahre im KSK.

Der Mann sollte sich plötzlich mit mehreren hundert Soldaten aus anderen Einheiten des Heeres um zwei Dutzend Stellen bewerben. Die anderen Soldaten hatten einen Großteil ihrer Zeit in Büros zugebracht. Auch sie wollten Berufssoldat werden. In dem Auswahlverfahren setzten sich dann regelmäßig die Soldaten mit der besten Beurteilung, dem besten Unteroffizierszeugnis und tadelloser Gesundheit durch.

Der Mann hatte zwar die extrem fordernde Aufnahmeprüfung des KSK bestanden. Doch nun war nicht entscheidend, welchen Belastungen er gewachsen war, sondern was auf Papieren stand. Er wurde abgelehnt – wie inzwischen mehr als die Hälfte der KSK-Angehörigen, die sich als Berufssoldat verpflichten wollten. Auch für sie gelten die Kriterien Eignung, Leistung und Befähigung, begründet das Verteidigungsministerium seine Auswahlpraxis.

Sein Wunsch: ein normales Leben und Familie Das KSK wurde 1996 gegründet. Die Kommandomitglieder der Anfangsjahre sind heute weitgehend ausgeschieden. Ein Teil wurde Berufssoldat und dient als Ausbilder in Calw oder in anderen Einheiten der Bundeswehr. Der andere Teil hat überwiegend bei Sicherheitsfirmen angeheuert. 95 Prozent der ehemaligen KSK-Soldaten, die nicht als Berufssoldat übernommen worden sind, arbeiteten jetzt für private Sicherheitsunternehmen, sagt unser Informant. „Mancher taugt zu nichts anderem mehr.“ Das gelte auch für ihn.

Vor kurzem hat sich der Chef eines Sicherheitsunternehmens gemeldet und ihm einen Job als Personenschützer in Afghanistan angeboten. Doch der Mann will sich nicht weitere Jahre mit Tabletten gegen die Gelenkschmerzen über die Runden retten. Er hat genug „Action“ erlebt, er braucht den „Kick“ nicht mehr, den das Leben in Gefahr mit sich bringt. Er will normal leben und eine Familie gründen.

Wir wollten vom Verteidigungsministerium wissen, ob es eine besondere Verantwortung für Soldaten sehe, die bis zur Perfektion im Töten von Menschen gedrillt worden sind und nun mit körperlichen und seelischen Problemen zu kämpfen haben. „Eine Einflussnahme durch die Bundeswehr auf den zivilberuflichen Werdegang findet nicht statt“, antwortete das Ministerium.

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In geheimer Mission verschlissen 26.04.2014 · Kommandosoldaten der Bundeswehr werden für harte Einsätze gedrillt. Doch irgendwann streikt der Körper. Und dann? Dann beginnt ein Kampf, in dem sie den Kürzeren ziehen. Von MARCO SELIGER Der Mann behauptet, er habe Menschen getötet. Zehn Jahre lang war er Elitesoldat im K. In Afghanistan jagte er Aufständische, in Afrika spähte er Terroristen aus. Er lebte für den Job, hat seine Gesundheit ruiniert, Freunde und Familie aufgegeben. Nach seiner Kommandozeit wollte er dauerhaft in der Armee bleiben. Die Bundeswehr, sagt er, habe ihm das mündlich garantiert, eine Abmachung als Dank für den entbehrungsreichen Dienst. Nun steht er auf der Straße und fühlt sich auch seinerseits nicht mehr an das Übereinkommen gebunden. Kommandosoldaten sind zur Verschwiegenheit verpflichtet, auch ehemalige. Doch der Mann will reden.

„Ihr müsst für den Job leben“ Treffpunkt ist ein kleines Café in einer deutschen Großstadt. Regen peitscht gegen die Fenster, es ist kaum etwas los. Der Mann trägt eine Jeans, blaue Sneakers und einen enganliegenden hellblauen Pullover, unter dem sich ein schmaler Oberkörper abzeichnet. In seinem Haar steckt eine Sonnenbrille. In den Einsätzen, erklärt er, habe er stets Brillen tragen müssen: tagsüber Sonnenbrille, nachts Restlichtverstärkerbrille. Seitdem gehe er nicht mehr ohne aus dem Haus. „Fast jeder Soldat in Calw hat eine Macke“, sagt er lächelnd. Nicht jede sei so harmlos wie seine.

Vor einiger Zeit hätten sie einen Kameraden mit einem ungeladenen Scharfschützengewehr an der Mittelleitplanke einer Autobahn gefunden. Er habe stundenlang Autos anvisiert, die KSK-Führung sei bemüht gewesen, den Vorfall herunterzuspielen. Doch wie ihre „normalen“ Kameraden kehrten auch KSK-Soldaten mit psychischen Problemen aus ihren Einsätzen zurück. Weil sie Geheimnisträger mit einer besonderen Sicherheitseinstufung seien, gebe es jedoch kaum Psychologen, die sie behandeln dürften, berichtet er. Denn die Psychologen müssten dieselbe Sicherheitseinstufung haben – und dafür langwierige Nachforschungen über sich ergehen lassen.

Der Mann war 25 Jahre alt, als er Elitesoldat wurde. Er erinnert sich noch gut an den ersten Tag. Ein Ausbilder sei vor die Neulinge getreten und habe gefragt, wer von ihnen eine Freundin habe. Einige Soldaten hoben die Hand. Wenn sie nichts kann, dann schmeißt sie raus, habe der Stabsfeldwebel gesagt. Am Wochenende darauf trennte sich der Mann von seiner Freundin. Er traute ihr nicht zu, dass sie monatelange Abwesenheiten klaglos ertragen und treu bleiben würde. Beziehungsprobleme lenken nur ab, hatte der Ausbilder erklärt. „Das Kommando braucht Leute, die nur für den Job leben“, sagt der Mann.

Terroristen gefangen nehmen – oder töten Seine Ausbildung zum Kommandofeldwebel dauerte zwei Jahre. Er trainierte im österreichischen Hochgebirge, in der kanadischen Arktis, im Dschungel von Französisch-Guayana und in der Wüste Dschibutis. Auf Übungen verschoss er in einer Woche mehr Munition als 600 Soldaten eines Bataillons während eines ganzen Jahres. Dann war er einsatzbereit. Es folgte der erste Einsatz in Afghanistan. Er gehörte der Task Force 47 an, der geheimen Einheit der Bundeswehr, die in einem eigenen Camp im Feldlager Kundus stationiert war.

Schon damals hätten sie den Auftrag gehabt, Aufständische auszuspähen und festzunehmen, berichtet er. Später wurden diese Einsätze in der Nato ganz offiziell „Capture or Kill“ genannt. Es ging darum, zusammen mit afghanischen Sicherheitskräften ranghohe Taliban oder Terroristen gefangen zu nehmen oder zu töten, wenn sie Widerstand leisteten. Über Details will der Mann nicht reden, nur so viel sagt er: „Wenn wir geschossen haben, dann nur, um zu verhindern, dass sie auf uns schießen.“ Die Bundesregierung hat bisher zu keinem Einsatz des KSK offiziell Stellung genommen. Die Missionen sind geheim, nur ein sehr kleiner Kreis von Bundestagsabgeordneten wird im Nachhinein informiert.

Als der Mann Ende zwanzig war, spürte er erste Verschleißerscheinungen. Elitesoldaten sind zäh, ausdauernd, höchst belastbar. Doch selbst an ihnen geht nicht spurlos vorüber, dass sie in Einsätzen und auf Übungen ständig Ausrüstung mit einem Gewicht von bis zu siebzig Kilogramm schleppen müssen. Unter der Belastung von Waffen, Munition, Schutzweste, Funkgerät, Rucksack und Nahrungsmitteln begannen Rücken und Knie zu schmerzen. Der Schmerz blieb, und nicht nur ihm gehe das so, sagt der Mann.

Das Durchschnittsalter der Kommandosoldaten liege bei Mitte dreißig, und so gut wie jeder von ihnen habe Probleme mit den Gelenken. Nur gebe das bei den regelmäßigen Gesundheitschecks niemand offen zu. „Wir haben gelernt, Schmerzen auszuhalten.“ Die Bundeswehr sieht sich nicht in der Lage, eigene Aussagen zum Gesundheitszustand von KSK-Angehörigen zu machen. Bei der Datenerhebung werde der Truppenteil eines Soldaten nicht erfasst, teilt ein Sprecher mit.

Nach sechs Jahren schwanden seine Kräfte Seit Jahren wird im Kommando überlegt, wie die körperliche Belastung der Soldaten zu reduzieren ist. Weil das Gewicht der Ausrüstung, die ein vierköpfiger Kommandotrupp im Einsatz benötigt, von den Soldaten kaum noch zu tragen ist, ohne dass sie schnell ermüden und ihre Kampfkraft leidet, wird in Calw geplant, die Teams des KSK um zwei Mann auf sechs zu erweitern.

Auch andere Streitkräfte haben Konsequenzen aus den Erfahrungen mit dem verdeckten Einsatz von Eliteeinheiten gezogen. Der britische Special Air Service (SAS) und die Sajeret Matkal in Israel schicken künftig Fünf-Mann-Teams in den Einsatz. Spezialkräfte arbeiten in kleinen, autonomen Gruppen, damit sie nicht so leicht entdeckt werden können. Sie sind so ausgerüstet, dass sie mehrere Wochen ohne Nachschub auskommen, und darauf trainiert, trotz wenig Nahrung und wenig Schlaf ihre Aufträge zu erfüllen.

Kommandosoldaten in Deutschland müssen sich auf eine Mindestdienstzeit von sechs Jahren verpflichten. Im Jahr 2009 war diese Zeit für unseren Informanten abgelaufen, sein Körper streikte immer häufiger. Er wollte in das Ausbildungszentrum des KSK wechseln und kürzertreten. Doch das Kommando braucht jeden Mann und lehnte seinen Wunsch ab. Seit Jahren, sagt er, sei das KSK unterbesetzt.

Offiziell wird der Personalumfang einschließlich Stab und Unterstützungstruppen mit 1100 angegeben. Wie viele Soldaten davon in den vier Kommandokompanien dienen, hält die Bundeswehr geheim. Daraus könnten Schlüsse auf die Einsatzfähigkeit des KSK gezogen werden, heißt es zur Begründung. Die Aussagen unseres Informanten legen jedoch nahe, dass die Personallage viel dramatischer ist als bisher bekannt. Er sagt, manche Kompanie erreiche noch nicht einmal den Umfang eines normalen Infanteriezuges. Das sind in der Regel 40 Soldaten, also gerade mal ein Drittel einer Kompanie.

Der Personalmangel verschleiße die Truppe, das Kommando könne seine Aufträge nur erfüllen, weil die Soldaten auf Kosten ihrer Substanz lebten. Das Verteidigungsministerium sieht keinen Handlungsbedarf. „Die Einsatzkompanien werden durch das KSK gleichmäßig mit neugewonnenem und ausgebildetem Personal aufgefüllt“, sagt ein Sprecher, verweist zugleich aber darauf, die Einheit befinde sich „unverändert noch im Aufwuchs“. Zur Erinnerung: Sie besteht schon seit 18 Jahren.

Es herrscht „riesige Frustration“ Normalerweise unterscheiden sich die Angehörigen des KSK darin, in welche Einsatzgebiete sie geschickt werden können. Es gibt Experten für den Kampf im Hochgebirge, in der Wüste, im Dschungel und in der Arktis. Dieser hohe Spezialisierungsgrad erfordert intensives Training, sagt der Informant, was dazu führe, dass die Soldaten etwa 250 Tage im Jahr auf Übungen und Fachlehrgängen im In- und Ausland zubrächten. Der Personalmangel führe jedoch dazu, dass sich ein Soldat zusätzlich auf weitere Einsatzgebiete spezialisieren und dafür noch mehr als üblich trainieren müsse. Zwischen Einsatz und Übungen gebe es kaum mehr Zeit zum Regenerieren. „Das KSK ist personell heruntergewirtschaftet“, sagt der Mann. Er herrsche eine „riesige Frustration“.

Viele Soldaten kündigen, um in die Sicherheitsbranche zu wechseln, wo sie Handelsschiffe gegen Piratenangriffe verteidigen oder als Personenschützer in Krisengebieten arbeiten. Sie sind von der geringen Aussicht auf eine dauerhafte Beschäftigung in der Bundeswehr enttäuscht und haben genug von den Belastungen der Kommandotätigkeit, für die sie auch die monatliche Zulage von brutto 963 Euro im Normaldienst nicht entschädigen kann.

Die Bundeswehr hat auf die Personalsituation im KSK mit einem Prämiensystem reagiert. Für jedes zusätzliche Jahr, zu dem sich ein Soldat nach seiner sechsjährigen Mindestdienstzeit verpflichtet, erhält er 5000 Euro brutto. Für das Bestehen der zweijährigen Ausbildung wird zudem ein Bonus von 10000 Euro gezahlt. Nato-Partner wie die Vereinigten Staaten und Großbritannien entlohnen ihre Elitesoldaten bis zum Zehnfachen höher.

Der Mann machte weiter, vier Jahre lang. Einmal wäre er beinahe vor Gericht gelandet. Es ging nur um ein Bußgeld, aber wegen eines Auslandseinsatzes hatte er darauf nicht schnell genug reagiert. Die Sache schaukelte sich auf. Eigentlich leicht zu lösen – aber Spezialkräfte finden sich im normalen Leben oft nicht mehr zurecht. Ein Verein half ihm, gegründet von ehemaligen Kommandosoldaten. Der Mann bekam einen Anwalt, der regelte die Angelegenheit.

Übernahme? Davon will die Bundeswehr nichts mehr wissen Der Verein heißt Uniter. Nach eigenen Angaben hat er knapp 350 Mitglieder, davon 53 aktive Angehörige des KSK. Uniter sei so etwas wie eine Navigationshilfe für Kommandosoldaten durch den Dschungel des Zivillebens, in dem sie von der Bundeswehr keine Hilfe erwarten könnten, sagt ein Vorstandsmitglied. In dem Verein helfen ehemalige KSK-Angehörige ihren aktiven Kameraden bei der Suche nach einem Job, im Umgang mit Behörden und in juristischen Fragen. Man kennt sich, man schätzt sich.

Aber es gibt Probleme, die kann auch Uniter nicht lösen. Unser Informant wollte, als sein Körper endgültig streikte, einen „Freischuss“ in Anspruch nehmen. So nannte der frühere KSK-Kommandeur Reinhard Günzel die Zusage der Bundeswehr an alle Kommandosoldaten, nach Ende ihrer Dienstzeit in Calw als Berufssoldat übernommen zu werden. Das sei kein Problem, sagte Günzel in einem Interview im Oktober 2003, die Streitkräfte hätten einen hohen Bedarf an Soldaten mit Spezialkräfte-Expertise. „Dem Soldaten wird sein Wunsch nach adäquater Anschlussverwendung erfüllt“, sicherte Günzel zu.

Doch davon will die Bundeswehr nichts mehr wissen. „Kommandosoldaten wurde eine hohe Übernahmewahrscheinlichkeit zum Berufssoldaten in Aussicht gestellt, nicht jedoch eine Übernahmegarantie“, rechtfertigt sich das Verteidigungsministerium. Es beruft sich auf eine Regelung aus dem Jahr 2007. Da war unser Informant schon vier Jahre im KSK.

Der Mann sollte sich plötzlich mit mehreren hundert Soldaten aus anderen Einheiten des Heeres um zwei Dutzend Stellen bewerben. Die anderen Soldaten hatten einen Großteil ihrer Zeit in Büros zugebracht. Auch sie wollten Berufssoldat werden. In dem Auswahlverfahren setzten sich dann regelmäßig die Soldaten mit der besten Beurteilung, dem besten Unteroffizierszeugnis und tadelloser Gesundheit durch.

Der Mann hatte zwar die extrem fordernde Aufnahmeprüfung des KSK bestanden. Doch nun war nicht entscheidend, welchen Belastungen er gewachsen war, sondern was auf Papieren stand. Er wurde abgelehnt – wie inzwischen mehr als die Hälfte der KSK-Angehörigen, die sich als Berufssoldat verpflichten wollten. Auch für sie gelten die Kriterien Eignung, Leistung und Befähigung, begründet das Verteidigungsministerium seine Auswahlpraxis.

Sein Wunsch: ein normales Leben und Familie Das KSK wurde 1996 gegründet. Die Kommandomitglieder der Anfangsjahre sind heute weitgehend ausgeschieden. Ein Teil wurde Berufssoldat und dient als Ausbilder in Calw oder in anderen Einheiten der Bundeswehr. Der andere Teil hat überwiegend bei Sicherheitsfirmen angeheuert. 95 Prozent der ehemaligen KSK-Soldaten, die nicht als Berufssoldat übernommen worden sind, arbeiteten jetzt für private Sicherheitsunternehmen, sagt unser Informant. „Mancher taugt zu nichts anderem mehr.“ Das gelte auch für ihn.

Vor kurzem hat sich der Chef eines Sicherheitsunternehmens gemeldet und ihm einen Job als Personenschützer in Afghanistan angeboten. Doch der Mann will sich nicht weitere Jahre mit Tabletten gegen die Gelenkschmerzen über die Runden retten. Er hat genug „Action“ erlebt, er braucht den „Kick“ nicht mehr, den das Leben in Gefahr mit sich bringt. Er will normal leben und eine Familie gründen.

Wir wollten vom Verteidigungsministerium wissen, ob es eine besondere Verantwortung für Soldaten sehe, die bis zur Perfektion im Töten von Menschen gedrillt worden sind und nun mit körperlichen und seelischen Problemen zu kämpfen haben. „Eine Einflussnahme durch die Bundeswehr auf den zivilberuflichen Werdegang findet nicht statt“, antwortete das Ministerium.

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